Zäh und ziemlich un-magisch

Das Mädchen aus dem Meer - Rebecca Hohlbein

Wolfgang Hohlbein stehe ich ja mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Ein paar seiner Bücher finde einfach absolut großartig, ein paar total grauenhaft. Und weil ich eben auch nur ein Mensch bin, stand ich auch den Werken seiner Tochter Rebecca Hohlbein erstmal sehr skeptisch gegenüber. Mit “Himmelwärts” hat sie mich dann aber unglaublich faszinieren können, weshalb ich mich dementsprechend auch sehr auf “Das Mädchen aus dem Meer” gefreut habe. Leider hat sich das allerdings als wenig faszinierend herausgestellt.

 

Zuerst einmal fand ich die Inhaltsangabe sehr irreführend, denn von “Göttern” im magisch-mythologischen Sinne kann hier beim besten Willen keine Rede sein. Ja, Protagonist Froh, dessen wahren Namen wir nie erfahren, hält Chita lange für eine Göttin, liegt damit aber völlig falsch, denn eigentlich ist sie genauso normal und menschlich und nicht-magisch wie er. Generell gibt es hier in dem Sinn keine Magie, lediglich eine Welt, in der sich die Menschen ganz unterschiedlich entwickelt haben.

So erinneren Froh und seine Art zu leben sehr an indigene Völker unserer Welt, mit einem starken Glauben an Naturgottheiten und ohne wissenschaftliche Kenntnisse über ihre Welt, weshalb sie einen vergleichsweise primitiven Lebensstil haben. Ganz anders Chita, die auf einem anderen Kontinent lebt, in einer Gesellschaft, die ein wenig an die ägyptische Hochkultur erinnert, technisch und wissenschaftlich sehr weit fortgeschritten ist, gleichzeitig aber eben doch gedanklich ziemlich mittelalterlich ist.

An sich ein nicht uninteressantes Konzept nur leider hat mir die Umsetzung einfach absolut gar nicht gefallen. Denn im Grunde genommen ist der Großteil der Geschichte ein Rückblick. Froh fischt Chita aus dem Meer und sie fängt an ihm ihre Geschichte zu erzählen. So spielt immer ein Kapitel in Frohs Fischerboot, in der Gegenwart, und eins in der Vergangenheit, erzählt von Chita.

Die war mir dabei einfach nur unsympathisch. Eigentlich sollte man meinen, dass die Chita in Frohs Boot aus den Ereignissen, von denen sie erzählt, gelernt hat und nicht mehr das egozentrische, verwöhnte und völlig naive Biest vom Beginn ihrer Erzählungen ist, aber Fehlanzeige. Sie kommt im Gespräch mit Froh wahnsinnig unsympathisch rüber und ich konnte einfach gar nichts mit ihr anfangen. Auch die Art, in der sie ihre Geschichte erzählt, hat mir nicht gefallen, ihre Übertreibungen und Ausschweifungen machen sie nicht nur zu einer rundum unzuverlässigen Erzählerin, sondern lassen sie auch schrecklich hochnäsig wirken.

Froh war da zugegebener Maßen etwas besser, allerdings bekommt man von ihm auch nicht allzu viel mit. Denn abgesehen von einigen wenigen Kommentaren, die sich an einer Hand abzählen lassen, die er in Chitas Erzählung einwirft, und den Kapiteln auf seinem Boot, in denen er zwar nicht der Ich-Erzähler ist, die aber zumindest aus seiner Sicht erzählt werden, kommt er überhaupt nicht zu Wort. Daher hatte ich einfach das Gefühl, dass ihm jegliche Tiefe fehlt, wodurch ich nicht wirklich etwas mit ihm anfangen konnte.

Generell habe ich mich immer wieder gefragt, was eigentlich der Punkt dieser Geschichte ist, denn die Handlung zieht sich stellenweise bis ins Unerträgliche. Ja, es gibt spannende und interessante Punkte, aber die sind relativ weit verstreut und die langen Strecken dazwischen zäh und nervtötend. Auch die Tatsache, dass ich mit Chita einfach partout nicht warm geworden bin, hat natürlich erheblich dazu beigetragen, dass ich stellenweise doch sehr mit der Geschichte zu kämpfen hatte.

Alles in allem hat mich “Das Mädchen aus dem Meer” doch ziemlich bitter enttäuscht. Die Idee fand ich gut, die Erzählweise eigentlich auch nicht schlecht, da doch recht innovativ, nur leider hat mir hier die Protagonistin einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn die war in meinen Augen weitestgehend unsympathisch. Lesen lässt sich Rebecca Hohlbeins neuster Roman, viele wird er bestimmt auch mit seiner spannenden Welt in seinen Bann ziehen können, mir hat es aber einfach keinen Spaß gemacht.

Quelle: http://anima-libri.de/rezension/rebecca-hohlbein-das-madchen-aus-dem-meer