Eigentlich gute Story, bei der durch falsche Vermarktung der Lesespaß genommen wird

Das Testament der Jessie Lamb - Jane Rogers

Eine Zukunftsvision, in der es keine Zukunft mehr gibt: In der Welt von Jessie Lamb hat sich ein Virus ausgebreitet, dass bei schwangeren Frauen unweigerlich zum qualvollen Tod von Mutter und Kind führt. Eine Dystopie die nicht nur mit diesem düsteren und faszinierenden Konzept sondern vor allem auch mit der Tatsache punkten kann, dass es sich hier tatsächlich einmal nicht um den Auftakt zu einer Serie oder, oh Graus, einer Trilogie handelt.

 

So spannende Voraussetzungen. Und dann das: Irgendwie geht die ach so viel versprechende Idee hier völlig unter. Dass nicht so wirklich klar wird, wie weit Jessies Zeit denn von unserer entfernt ist, okay, damit hätte ich nicht wirklich ein Problem gehabt. Das wirkliche Problem war viel mehr, dass ich, gerade bei dystopischen Romanen, sehr großen Wert auf einen logisch durchdachten und detailreichen Hintergrund, eine nachvollziehbare Entwicklung von unserem Heute zum literarischen Jetzt, lege. Und genau das wird hier leider vollständig unter den Teppich gekehrt.

Das Muttertod-Syndrom, kurz MTS, ist ein Virus, der Löcher in die Gehirne von schwangeren Frauen frisst und damit nicht nur die betroffene Frau sondern auch den Embryo tötet. Doch woher kam das Virus? Wieso, weshalb, warum hat jemand ein solches Virus (un)absichtlich auf die Welt los gelassen? Fragen, die hier nicht beantwortet werden. Denn, und genau das ist der Punkt, der sich mir leider erst erschlossen hat, nachdem ich dieses Buch gelesen habe, im Grunde genommen ist “Das Testament der Jessie Lamb” überhaupt keine Dystopie.

Klar, es gibt ganz eindeutig ein dystopisches Setting und natürlich spielt MTS und Jessies Entscheidung wie sie damit umgeht und was sie tut “um die Menschheit zu retten” (weil das natürlich ein einfacher 08/15 Teenager auch mal eben so tun kann) steht im Zentrum der Geschichte, aber eigentlich ist das ganze doch nichts weiter als ein Familiendrama – Die Geschichte einer Familie, der Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern und vor allem den Folgen mangelnder Kommunikation.

Und genau das ist auch der Part, der hier eigentlich sehr gut umgesetzt wird. Denn auch wenn mir Jessie als Erzählerin, die ihre Geschichte weitest gehend rückblickend in Form eben dieses “Testaments” erzählt, nicht unbedingt sympathisch war, ist es eben genau dieser familiäre Part, den ich dieser Geschichte voll und ganz abkaufen kann. Im Gegensatz zu dem gesamten dystopischen Teil, der sich mir eben auf Grund des fehlenden Hintergrunds nicht immer wirklich erschlossen hat und den ich irgendwann auch einfach nicht mehr reizvoll fand, weil die Informationen fehlten, ist das familiäre Drama und die Beziehung zwischen Jessie und ihren Eltern hier sehr realistisch und vielschichtig dargestellt.

Alles in allem ist “Das Testament der Jessie Lamb” eigentlich ein wirklich gutes Buch und ich kann durchaus nachvollziehen, warum die Autorin damit Preise geholt hat, aber die Vermarktung setzt hier einfach auf den völlig falschen Aspekt der Geschichte, sodass bei den Lesern falsche Hoffnungen geweckt werden, die unweigerlich zu einer mehr oder minder großen Enttäuschung führen, da das Buch leider einfach nicht darauf ausgelegt ist, das zu halten, was die Inhaltsangabe verspricht. Das zumindest war mein Eindruck.

Quelle: http://anima-libri.de/rezension/jane-rogers-das-testament-der-jessie-lamb